Dienstag, 15.05.
Guten Abend liebe Leute,
heute melde ich mich aus der bisher schoensten Stadt meiner Tour: Tallinn. Es ist wirklich nett hier, ein richtig niedlicher mittelalterlicher Stadtkern vielleicht vergleichbar mit Rothenburg ob der Tauber nur derzeit nicht ganz so ueberlaufen von Touristen. Das wird im Sommer gewiss ander sein, aber auch wirklich zu Recht.
Leider bringt das europaeische Niveau auch das aehnliche Preisniveau mit sich, so dass ich hier wieder ein wenig aufs Geld achten muss und heute im Hostell, das direkt in der Altstadt liegt eine Konserven Soljanka zum Abendessen warm mache, aber die schmeckt auch gut und ist bisher meine Osteuropa Lieblingssuppe.
Nach dem Photoshooting heute hab ich erst einmal geduscht und dann 20 Grad und Sonneschein in dieser tollen STadt genossen. Zum Glueck sind die Krawalle vorbei und man sieht nur noch einige zerstoerte Schaufensterscheiben als stumme Zeugen der Ausschreitungen rund um die Versetzung des Weltkriegmahnmals in der estischen Haupstadt.
Ansonsten erinnert hier alles schon an Finnland, die Sprache (genauso viele Umlaute), die Landschaft hauptsaechlich Waelder und nette Holzhaeuser und eben auch die Preise. Wobei ich gestehen muss, dass Finnland, das ich hier meine existiert bisher nur in meiner Vorstellung, denn Finnland soll mein neues Land Nummer 5 dieser Reise werden, danach fehlen mir bloss noch 10 Staaten und ich bin in allen Laendern Europas gewesen.
Zurueck zu dieser Reise, die beiden Radeltage von Riga hierhin waren ganz gut zu bewaeligen. Primaer hab ich die Europastrasse 67 benutzt, was allerdings keine grosse Abwechslung bringt, da die Esten im Gegensatz zu den Letten so schlau waren, diese Transitstrecke um die Ortschaften herum zu legen. Die letzten 100 KM bin ich dann ueber eine verkehrsarme Nebenroute, die ich nach einer 20KM Schotterpiste erreciht hatte geradelt. Aber auch die Piste war ganz in Ordnung und verschaffte mir einen absolut ruhigen Zeltplatz irgendwo im estischen Kiefernwald.
Gerade hatte ich endlich mal Glueck in Sachen Oeffnungszeiten und hab ein klassisches Konzert in einer der Kirchen hier geniessen koennen, sogar kostenlos konnte ich Mozart, Bach und SChubert hoeren, dessen Abendlied (Der Mond ist aufgegangen) zum SChluss auf deutsch gesungen wurde. Da ich erst vorgestern abends im Zelt die Dritte Strophe ne halbe STunde lang als Ohrwurm hatte passte das sehr gut und so kann ich weiter ueber uns "eitel arme Suender, die gar nicht viel wissen" nachsinnen.
Leider hat es gerade ein wenig zu regnen begonnen, so dass ich jetzt den Computer im Hostell dem Spaziergang vorziehe, aber bestimmt ist gleich noch etwas Zeit, zumal es hier erst nach 22.00 Uhr dunkel wird.
In drei oder vier Tagen passiere ich dann nach gemuetlichen 250KM die russische Grenze zum zweiten MAle und dann sind es nur noch gute 100 KM bis zum Petrowski Stadion, wo ich 5 Tage Pause machen will.
Ob das Treffen mit Gerhrad Schroeder wirklich klappen wird? Ich bin gespannt, haette schon Lust mit ihm ne Havanna zu rauchen. Waer zumindest ne coole Kneipengeschichte, damals Kinders als ich noch mit unserem alten Bundeskanzler in Sankt Petersburg Havannas geraucht habe...
Und danach wird es dann einsam werden. Die beiden Russen haben mir schon Tipps fuer die Route nach Murmansk gegeben, damit ich nicht zuviele SChotterpistenabschnitte drin habe und zumindest auf den ersten 200KM um Petersburg herum die Hauptsrassen meiden kann, denn wie aus Kaliningrad berichtet, mit russischen LKW ist nicht zu spassen...
Dazu dann aber noch einmal aus Petersburg.
Heute Nachmittag war ich in einem "Hypermarkt", die getunte Version eines Supermarktes und haette mich dort STunden aufhalten koennen. Ueberall gab es leckere Sachen und an vielen STellen auch frisch zubereitete Speisen, dass mir das Wasser im Munde zusammenlief und mein EInkaufskorb viel voller wurde als es SInn macht.
Naja bei bestehenden Westwind stoeren 2-3 Kilo mehr im Gepaeck wohl nicht so sehr.
Ich wuensche euch allen eine gute Woche, den Muettern nachtraeglich alles Gute zu ihrem Feiertag, den Vaetern schon mal an dieser STelle ein "Wohlsein" und allen Radlern natuerlich Rueckenwind. (Ausser Michael und Denis, denn sonst hab ich ja Gegenwind...)
Wir hören uns bzw. lesen uns in Petersburg, Martin.
Mo, 14.05.
Donnerstag, 10.05.
Liebe Leute,
nach ein paar Tagen ohne Internet habe ich nun in Lettlands Hauptstadt Riga endlich wieder die Chance, online zu gehen.Kaliningrad hab ich schnell verlassen, eine wirklich haessliche und stressige Sozialistenstadt, lediglich Dom und Stadtplatz sind sniert und ein paar moderne Einkaufszentren, die genauso aussehen wie das CentrO nur noch teurer sind. Also bin ich auf einer Art Autobahn schnell aus Kaliningrad nach Norden raus. Gefährlich wurde es aber erst, als die Autobahn zur Landstrasse wurde und mir der schöne Seitenstreifen fehlte. Russische LKW- Fahrer interessieren sich nicht für Radfahrer und ziehen mit 80 Km/h und vielleicht 30 cm Abstand an einem vorbei, das ist dann nicht mehr so lustig.
Schöner wurde es dann auf der Kurischen Nehrung, eine tolle Halbinsel, auf der einen Seite die Ostsee auf der anderen das Haff. Dazwischen liegt ein 350m bis 4 KM breiter Landstreifen, der 98KM lang ist und Kaliningrad Oblast mit Littauen verbindet. Die Russische Seite ist recht holprig asphaltiert aber dafür kann man zelten wo man will, solche Kleinigkeiten sind da eher Nebensache. Allerdings sind die Doerfer genauso heruntergekommen und trostlos wie dieses ganze Gebiet, tolle Natur aber die einfachen Menschen können einem Leid tun, keine Chance, dort mal heraus zu kommen.
Ich traf an der Biologischen Vogelfangstation einen russischen Doktoranden und gemeinsam beringten wir zwei Piepmaetze, die dann noch vermessen, gewogen und dann Fliegengelassen wurden. Mein persönliches Bergfest der Petersburgetappe feierte ich auf den Dünen mit einer gemütlichen Pfeife beim Sonnenuntergang über der Ostsee. Auf litauischer Seite war alles ganz anders in den Orten gab es hübsche Tourieinrichtungen wie Lokale, Postkarten und Souvenirshops und natürlich ´ne Menge deutscher Rentner. Ein Paar aus Hamburg war klasse und nach einem Gespräch über Schalke und meine Radtour luden sie mich zum Mittagessen ins Lokal ein. Ich schein irgendwie sehr bedürftig auszusehen...) Ich traf dann noch ein deutsches Ehepaar, das nun auf der Nehrung lebt und ausgwandert ist, die hatte ich bereits zuvor bei einer NDR Reportage im TV gesehen, nun live auf ihrer Terasse und dazu gab es ein kuehles Bier..In Klaipeda (ehemals Memel) muss man mit der Fähre übersetzen und dort wartete ein Gazprom Photograph.
Dann ging es nach bereits 80Km ueber die naechste Grenze: Lettland war erreicht. In Liepaja hatte mich Schalke Praesident Rehberg beim dortigen Fussballverein Metallurg Liepeda angemeldet und die bereiteten mir einen tollen Empfang mit Fernsehreporter, zwei Zeitungsleuten und das beste; nach einer halben Stunde "Pressekonferenz" bekam ich ein Zimmer im 4 Sterne Hotel Amrita, dem besten der Stadt. Dazu einen Freischein fürs Hotelrestaurant. Man war mir schlecht am Abend nachdem ich 6 Gänge vertilgt hatte:, Mayowurstsalat, Russische Rindersuppe, gefuellte Hähnchenbrust mit Pommes, Käsekuchen, und etwas später einen Salat und Rindersteak mit Rotweinsauce, Gemüse und Kartoffelpüree...So lässt es sich leben. Dazu endlich eine Dusche (die letzte hatte ich in Danzig also 3 Länder vorher) und einen Waschservice für meine Klamotten.
Rundum glücklich bis ich morgens zur bewachten Garage ging um mein Rad zu packen. Da zelte ich seit 3 Wochen überall wild in Osteuropa und nix passiert, einmal vier Sterne Hotel und schon klauen sie meine Werkzeugtasche. Zum Glück war das dem Hotelchef so peinlich, dass ich 5 Minuten spaeter mit einem Hotelmitarbeiter zu allen drei Fahrradlaeden Liepajas fuhr und alles auf Hotelkosten nachkaufte was zwar nicht 1:1 aber ungefähr passte.
Nun war ich spät dran und kam erst um 11.15 Uhr los in Richtung Riga, da bekam ich einen Anruf von den beiden russischen Radlern, die Samstag in Sankt Petersburg gestartet waren auf dem Weg nach Gelsenkirchen. Sie starteten gerade in Riga auf dem Weg nach Liepaja, in der Mitte wollten wir uns treffen. Glück für mich und Pech fuer die Russen; Starker Westwind. So schaffte ich allein mit 50KG Reiserad 135KM und die beiden armen Windkaempfer mit ihren Rennmaschinen und Begleitfahrzeug nur 85 KM wir trafen und dann in einem Cafe, tauschten Infos ueber die Strecke aus, machten ein paar Photos und wünschten uns eine gute Reise, aber keiner wünschte dem anderen Rueckenwind...Michael und Denis; sind zwei Extrembiker, die dem Radclub Balticstar angehoeren und Fahrradmarathonrennen bestreiten, daher sind 200KM Etappen für sie normal, in Riga sind sie übrigens erst Nachts um 3 Uhr angekommen. Die spinnen die Russen...Ich radelte nur noch 15 KM zeltete im lettischen Wald (wirkt hier schon sehr skandinavisch).
Heute waren es noch gute 70 KM bis ins Zentrum wo ich heute auf eigene Kosten im Hotel Aurora nächtige, ist allerdings nur bei knapper Kasse zu empfehlen, für 22 Euro ein Doppezimmer mit Fahrrad im Zimmer, das war mir wichtig, dafür schleppte ich es auch in den 2ten Stock des Altbaus...
Beste Gruess aus Riga, morgen werden noch ein paar Photos gemacht und weiter geht es nach Norden, nach Tallinn.
Martin.
...auch 10.05
nachdem ich ein paar Stunden durch Riga getapert bin, die katholische Messe besuchte und ordentlich gegessen habe, bin ich nun noch einmal für 2 Stunden ins Internetcafe zurueckgekehrt. Ich habe gerade die ersten Infos von Michael und Denis, den beiden Russen die nach Gelsenkirchen radeln gefunden, echte Cracks wie man sehen kann unter:
http://www.fc-zenit.ru/eng/details.phtml?id=3525"
Riga ist eine echt schöne Stadt und eine richtige europaeische Metropole, hat mich am ehesten an Budapest erinnert. Schöne Altstadt, nette Einkaufspassagen, viele Cafes und Restaurants, Parkanlagen, Denkmäler, verschiedene Kirchen und nen dicken Fluss in der Mitte, allerdings muss ich gerade gestehen, dass ich nicht mal seinen Namen kenne
Wenn bei euch etwas Interessantes geschehen ist, lasst es mich wissen. Ich freu mich ab und zu lesen zu koennen, was in der Heimat so passiert.
Beste Gruesse, Martin
Donnerstag, 03.05.
Gruess Gott zusammen,
beste Gruesse aus Danzig bzw. Gdansk wie man hier sagt. Ich muss sagen, dies ist die wohl schönste polnische Stadt, zumindest von denen, die ich bisher hab. Sehen können hatte ich zuvor bereits Krakau, Bresklau, Posen, Warschau, Lublin, Olsztyn, ...
Es lohnt sich hier gibts Meer mit weissem Strand und ne toll restaurierte Altstadt.
Nach den zwei Tagen in Haralds Villa Meeresblick auf Usedom, war ich erholt und radelte am Montag gleich 140KM entlang der Küste, allerdings war der Wind bisweilen ganz schön gegen mich, so dass auch ich nicht nur Erholung hatte, sondern ganz schoen kämpfen musste. Hinzu kamen auf den Hauptsrassen viele Autos und vor allem LKW oder auf den kleinen Nebenstrassen 5m Betonplatten deren Rhythmus auf Dauer auch etwas nervig ist...
Die Touristen Orte am Wege waren nicht wirklich sehenswert, überall knallbunte Plastikstände mit Coca Cola oder Bierwerbung, Zugänge zum Strand und ´ne menge Touristen, da die meisten Polen derzeit eine Woche Ferien haben...
Die Preise waren den Touristen gemäss relativ hoch, dazu Wind und schlechte Strassen, so beschloss ich meine Route zu ändern und fuhr ab Koszalin weiter südlich über Bytow nach Gdansk. Nun hatte ich die Strasse wenn auch der Asphalt bisweilen ganz schön huckelig war fast für mich, die Menschen in den kleinen Dörfern grüssten mich freunldich zurück und der Wind war nun nicht mehr so stark. Nun machte das Radeln wieder viel Spass und ich entdeckte eine Art Mecklenburgische Seenplatte in Polen...
Zwei Nächte im Zelt und dann fing mich 20 KM vor Danzig ein von Gazprom engagierter Photograph ab und begleitete mich mit seiner Freundin (beide etwas jünger als ich) bis in die Stadt. Ne Menge Photos wurden geschossen, so bekam ich eine kleine Stadtführung und gleich die Bilder auf einer CD, so brauchte ich selbst keine Photos von Danzig zu schiessen.
Aber bis wir alle Photoorte abgeradelt hatte (ich radelte die beiden fuhren natürlich Auto) war es bereits 20.00 Uhr und ich hatte 145 KM auf dem Tacho. Müde ging es ins eher drittklassige Hotel mit Etagenduschen und Toiletten, aber dafür durfte ich mein Fahrrad mit ins Zimmer nehmen und es bis heute Nachmittag dort sicher (hoffentlich) stehen lassen. Der Preis dafür ca. 15 Euro inklusive bereits benutzter Bettwäsche. Zur Strafe habe ich mich erst heute Morgen geduscht und meinen Radlerkörper trotz Kettenschmiere am Bein ins Bett gelegt.
Zum Glück hatte die Hotelbar noch auf, denn der Komplex liegt im Industriezentrum wo es abends zielmlich düster aussieht, so dass ich mir nen leckeren Schweinbraten mit Kartofferln und Rotkohl bestellte, zuvor noch ´ne Suppe und die Welt war wieder in Ordnung. Und alles auf polnisch bzw. mit Händen und Füssen.
Nun bin ich gerade in Sopot die Stadt die noerdlich an Gdansk grenzt, hier ist eine nette Strandmole zu sehen und ich bekomme gleich meine PhotoCD von gestern...
Was gab es sonst noch? Die Begegnung mit einer Wildschweinfamilie auf dem Radweg (3 ausgewachsene Schweine + 6 Frischlinge), eine nette Frau in einem Dorf-Sklep, die mir mittags mit ihrem Wasserkocher eine Tütensupe und einen Kaffee zubereitete, zwei kühle Zeltnächte bei ca. 4 Grad Celsius und viel Freude beim Radeln auf kleinen Strassen in schöner Landschaft.
Soweit so gut, heute Nachmittag werde ich noch aus Danzig rausradeln und spaetestens uebermorgen russischen Boden im Kaliningrader Oblast betreten.
Ich bin gespannt, was mich dort erwarten wird.
Beste Gruesse aus Gdansk, euer Martin.